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Workshop Nida Art

Foto: Vytautas Naudžiūnas

Auf diesen Workshop im Kunstzentrum von Nida war ich besonders gespannt: Fashion Design. Studenten der Kunsthochschule in Vilnius kommen an die Küste Litauens, um sich in der abgeschiedenen Welt der Dünen mit Mode zu befassen – und das zehn Tage lang. Das bedeutet zehn Tage lang entwerfen, werkeln und präsentieren. „Das Seminar ist wirklich sehr intensiv“, sagt die Leiterin des Projekts, Professorin Jolanta Talaikyté. An ihrer Seite ist die Dozentin Egle Grebliauskaite, die jahrelang im Modebusiness gearbeitet hat – sie ist zuständig für den professionellen Schliff der Teilnehmer.

Und davon bekomme ich an diesem Tag gleich eine Kostprobe. Denn jetzt geht es an die frische Luft, ich darf eine Gruppe zu einem kleinen Shooting begleiten. Ein Shooting? Der Fotograf heißt Vitautas Nadziunas und ist im Hauptberuf Architekt, er ist mit der Professorin verheiratet, und er macht hier die Fotos. Die Studentinnen spielen an diesem Vormittag „Model“. „Das Posen heute gehört dazu“, sagt Vitautas, „denn das werden die Modedesigner eines Tages selbst an ihre Models weitergeben.“ Und das werden sie können, denn vor der Kamera machen sie alle eine super Figur. Das Studium hat offenbar einen hohen Spassfaktor – denn unterwegs wird während der ganzen Aktion viel gelacht.

Die Nida Art Colony ist eine Abteilung der Kunsthochschule in Vilnius, der litauischen Hauptstadt. Die Gebäude stehen in dem Küstenort Nida in einem Waldstück, mitten in der Kurischen Nehrung, der legendären Küstenlandschaft an der Ostsee. Nida liegt nur einige tausend Meter entfernt von der russischen Grenze, es führt eine Strasse direkt nach Kaliningrad(früher Königsberg) in die russische Exklave.

Mich hat Professor Talaikyté eingeladen, mir ihr und den Studenten im Seminarraum über den Workshop zu plaudern. Sie beschäftigen sich mit dem wohl populärsten und wichtigsten Künstler ihres Landes, das war Mikalojus Konstantinas Ciurlionis, ein künstlerisches Ausnahmetalent des frühen 20. Jahrhunderts: Ein Maler und Komponist, von dem man sagte, er könne „Farben hören und Töne sehen.“

Sie betreiben hier aber nicht Kunst im luftleeren Raum, sondern blicken auf den Modemarkt und ihre Chancen als angehende Modemacher.

Mich beeindruckt, dass sie hier bereits im zweiten Jahr ihres Studiums derart praktisch und zielorientiert arbeiten – sie lernen im Profi-Studio, wie sie eine Kollektion entwerfen, ein Label entwickeln, und das alles professionell zu präsentieren. „Das Studium ist sehr gut, aber auch sehr fordernd“, sagt die Leiterin.

Die Atmosphäre ist arbeitsgeladen, dennoch freundlich und entspannt. Manche ihrer Studenten mit den auffallend jungen Gesichtern sind noch nicht einmal 20 Jahre alt. Sie wirken motiviert und geradezu begeistert: „I love fashion“, schwärmt eine von ihnen. Ihre Jobchancen sehen sie positiv: „Es gibt viele erfolgreiche Marken und Label in Litauen“. Ihr Land sei zwar klein, was keine Rolle spiele, denn sie blicken auf den großen, internationalen Markt. Zumal sie alle in Vilnius studieren, einer Stadt, die viele Touristen anziehe. Auf die Frage, ob sie sich eine Karriere in Paris oder New York vorstellen können, antworten alle spontan mit „Ja!“

Die Professorin schwärmt von ihren Schützlingen und hat keine Zweifel, dass aus ihnen etwas wird: „In jeder hier steckt ein kleiner Karl Lagerfeld!“