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Spät im Abspann erscheint der Hinweis „..shot entirely on iPhone 5s“. Tangerine L.A. von Filmemacher Sean Baker gilt als der erste (abendfüllende) Independent Film im Breitbild-Format, der ausschließlich mit iPhones gedreht wurde. Das ist schon auffällig, denn unter jungen Filmemachern ist es eher üblich, mit Spiegelreflex-Kameras (DLSRs) zu arbeiten, mit denen sich der beliebte Spielfilm-Look herstellen lässt.

Offizieller Trailer, Quelle: Kool Filmdistribution

Bei Tangerine L.A. ist das anders: Die Farben haben ihre eigene Ästhetik. Auffallend ist der Farbton Orange, dem der Film seinen Namen verdankt (Tangerine =  orangenartige Frucht) – dieses leuchtende Orange ist kein Merkmal der Smartphone-Kamera, sondern wurde von Sean Baker später bewusst hinzugefügt, den Effekt hat der Regisseur eher zufällig am Schneidetisch entdeckt, wie er erzählt.

         Regisseur Sean Baker, von Daniel Bergeron

Die Qualität der Bilder ist verblüffend gut – ein Film mit dem Smartphone gedreht, auf der großen Leinwand, ja das geht! Zunächst fällt nicht jedem sofort auf, dass hier mit einem Telefon gedreht wurde – es gibt jede Menge Dokus, die auch nicht im üblichen Sinne perfekt erscheinen, kleine Wackler und Unschärfen gehören sogar zu den Stilmitteln.

                          Die Ästhetik der iPhone-Bilder

Auffallend: Das Bildmaterial hat eine eigene Ästhetik, Farben wirken gelegentlich leicht überbetont, gesättigt, nicht immer echt, also nicht ganz naturgetreu, aber immer schön anzusehen. Der Straßenstrich entlang des Santa Monica Boulevard erscheint in einem angenehmen, strahlenden Orange. Gedreht wurde mit der populären App Filmic Pro. Eine Besonderheit sind die beim Dreh verwendeten sogenannten anamorphotischen Linsen, die Sean Baker auf die iPhones montieren konnte. Dieser technische Vorsatz soll ein Kinobild und ein Seherlebnis schaffen, das sonst nicht möglich wäre. Das war dem Regisseur wichtig, der übrigens die Prototypen dieser neuen Technik ergattern konnte.

Warum überhaupt mit dem Smartphone drehen? Sean Baker sieht einen Vorteil darin, dass die Laiendarsteller nicht unnötig von großem, aufwendigen Equipment eingeschüchtert werden. Auch für Passanten ist nicht auf Anhieb erkennbar, dass hier gerade ein Spielfilm gedreht wird.

                              Turbulent, witzig, tragisch

Zum Inhalt: In einer turbulenten Tragikomödie folgt der Film den zwei Heldinnen durch die eher schäbige Welt des Straßenstrichs der Transsexuellen in einem Viertel von Los Angeles. Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) und Alexandra (Mya Taylor) sind selbst am Weihnachtstag noch unterwegs, um finanziell über die Runden zu kommen

Der Regisseur nennt den Stil „semi-fiktional“ und nicht etwa „semi-dokumentarisch“. Die Darsteller kommen aus der Szene und spielen in gewisser Weise sich selbst. Entdeckt hat Sean Baker sie in der eigenen Nachbarschaft – der gebürtige New Yorker lebt in diesem Viertel in Los Angeles und konnte so vorsichtig die erste Kontakte zu den Darstellern knüpfen. Und das hat sich gelohnt: Denn die beiden Hauptdarstellerinnen sind ungewöhnlich witzig, fetzen sich in wortreichen Dialogen und geben dem Film ein erfrischendes Tempo.

Hauptdarsteller Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor

Foto: Hauptdarsteller Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor

Tangerine L.A. verblüfft mit einer sehr mobilen, oft entfesselten Kamera – die folgt den Akteuren in billige Absteigen und Bars, zeigt sehr genau das Milieu der Transgender-Szene.

Die Kamera (des iPhones) ist immer nah dran: Im Auto, im Donut Store, in Absteigen. Die Kamera bewegt sich viel in den Straßen von Los Angeles, dabei ist die Geschichte wie für eine Reportage im Doku-Style gedreht, mit Kameragängen und Fahrten. Es wird praktisch nie zusätzlich Licht eingesetzt, jedenfalls nicht erkennbar.

Der Film ist unbedingt sehenswert! Die Kritik in deutschen Medien hat Tangerine L.A. Bestnoten ausgestellt. Der Film hat inzwischen auf Independent Filmfestivals zahlreiche Preise gewonnen, darunter einige für die herausragende Kameraarbeit.