Der Stadtteil St. Georg hat nicht gerade den besten Ruf, einige Ecken in dem Bahnhofsviertel gelten sogar als verrucht. Hier, nahe des berüchtigten Hansaplatzes, liegt das Chez Malik’s – eine Bar, in der gerne selbstgebrauter Wodka ausgeschenkt wird. Ausgerechnet dieser Ort hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen in der Kunstszene gemacht – als ein Hotspot in der Hamburger Off-Space-Szene. In den vergangenen sechs Jahren gab es dort über 50 Ausstellungen, Konzerte und Performances mit mehr als 60 Künstlern aus 15 verschiedenen Ländern. Und das haben zwei junge Frauen geschafft: Elisa Berrera, Künstlerin aus Italien, mit Wohnsitz in Hamburg, und Elena Malzew, eine Kulturwissenschaftlerin, die in Hamburg und Berlin lebt.

Performance in der Wodka-Bar

Die beiden organisieren regelmäßig Kunstevents, Performances und Ausstellungen im Chez Malik’s, und das jeweils nur für eine Nacht. Sie nutzen den Weg oder genauer: den Raum im Keller, der zur Toilette führt. Das ist ein Off-Space der etwas anderen Art, in jedem Fall ist es ein Projekt, das inzwischen sogar von der Kulturbehörde gefördert wird. Vor sechs Jahren hat alles angefangen, die beiden arbeiten seit drei Jahren miteinander. In unserem Gespräch berichten die beiden Kunst-Profis von der Erfolgsgeschichte ihres Projekts mit dem Titel: Come Over Chez Malik’s.

Performance "Octopussy on Tour" im Chez Malik's
Performance “Octopussy on Tour” im Chez Malik’s

Performance der Künstlerin Ayla Pierrot Arendt

Das Programm „Octopussy“ war ungewöhnlich erfolgreich. Die Künstlerin Ayla Pierrot Arendt überrascht im Gespräch mit einer sympathischen Offenheit. Als sie eine Einladung aus Montreal bekam, mit der Performance dort aufzutreten, dachte sie sich: „Ich bin so dreist und nehme das Angebot an“. Danach folgten weltweite Angebote. Der Octopus gefällt ihr, da er mit den Tentakeln berühren und schmecken kann, und damit komme er ihrem Temperament sehr nahe. Die Utensilien für die Performance bringt sie alle in ihrem Rucksack mit – es sei eine „sehr bewegliche und spontane Form“. Wichtig ist für sie, dass es mehr ist, als eine Präsentationen: “Der Funke soll überspringen”. Menschen sollen sich für einander interessieren, was offenbar vielen schwerfalle. Sie habe Lust auf den Dialog und die Utopie.

Octopussy
Performance und Video “Octopussy” in der Bar Chez Malik’s

Und plötzlich Corona!

Die gute Nachricht: Das Chez Malik’s hat nach monatelangem Stillstand wieder geöffnet! Doch Kunst und Performances pausieren hier, der nötige Sicherheitsabstand wäre kaum einzuhalten. Es ging am 11. Juli weiter in der Galerie im Frappant: Come over Chez Malik’s im Frappant, mit einer Ausstellung von Ghislain Amar: Coming of Age.

Fragen an die Kuratorinnen Elisa Berrera und Elena Malzew zu Kunst und Performances – Come over Chez Malik’s

Hamburg Arts: Das ist immer nur für eine Nacht, das ist viel Aufwand.

Elena: Das ist sehr viel Aufwand! Das ist zum einen der Struktur dieses Raumes geschuldet: Wir machen Ausstellungen im Keller einer Bar. Und die Besucher, die auf die Toilette gehen, müssen dann den Raum praktisch durchkreuzen.

Es kommen Leute extra für diese Eröffnung. Man kann jetzt nicht sagen: Das ist am Freitag, ich habe da noch ein Essen, ich komme am Samstag. In diesem Fall funktioniert das nicht. Deswegen wird es eben sehr punktuell besucht.

Elisa: Es ist eben ein Event, eine Ausstellung, von der alle wissen: Wenn sie nicht dabei sind, dann ist es vorbei.

Einmal war es sehr voll, und ich glaube, das lag daran, dass es eben ein Event ist, und nicht so eine statisches Ding, das da für einen Monat bleibt.

Elena: Es ist von Anfang an ein Abenteuer, es ist wie im Theater, man arbeitet, man formt, man probiert, nimmt alles wieder ab, nimmt es mit nach Hause, kommt wieder, man kann es ja nicht über Nacht hier lassen. Es ist wie im Theater, man probt alles, das ist sehr performativ. Es ist nicht so statisch, als wenn man erst ein Bild ranhängt, und dann das Zweite.

Performance
Performance “Octopussy”

HA: Was ist denn mit den Arbeiten der Künstler, können die nicht einfach einige Zeit dort bleiben?

Elena: Die Künstlerinnen müssen selbst entscheiden, ob sie die Arbeiten dort lassen.

Elisa: Wir haben viele Künstler, die haben wir gefragt, können wir das so lassen, und dann gucken, was passiert?

Elena: Es ist nicht so, dass wir sagen, wir eröffnen das um 9 Uhr und um 2 Uhr muss das abgebaut werden. Das überlassen wir schon den Leuten, das zu entscheiden.

In der Regel ist es schon so, dass man sich um die Arbeit kümmern möchte, und dann einfach abbaut. Deswegen ist es so ein dichtes Ereignis, es wird schon zu einem superdichten Ereignis, von der Eröffnung mit Konzert oder Performances.

HA: Wie wählt ihr die Künstler aus, nach welchen Kriterien?

Elisa: Wir versuchen die Künstler so auszuwählen, dass die mit dem Raum spielen, das ist sehr spezifisch. Das ist ja eine viereckige Form.

Elena: Das ist eins der wichtigsten Charakteristika unserer Ausstellungen, daß die schon sehr für den Raum gemacht werden.

Elisa: Das kann auch eine Zusammenarbeit sein oder eine Herausforderung. Wenn wir also jemanden haben, der speziell zu dieser Herausforderung passt, oder wenn jemand mit uns zusammen arbeiten  möchte

Es gab ein Jahr, da haben wir nur Paare eingeladen, denn Künstlerpaare zeigen ihre Werke nie zusammen. Und wir haben Paare eingeladen, um zum ersten Mal gemeinsam auszustellen. Also eine Herausforderung, denn viele solcher Räume gibt es ja nicht.

Elena: Oder wir haben zum Beispiel Cosima, eine Malerin,  eingeladen. Sie hat gesagt, okay, ich teile in Berlin ein Studio mit einer Freundin, einer Fotografin. Wir hatten sie alleine eingeladen, und dann hat sie einen Gegenvorschlag gemacht: Cosima ist Malerin, und die beiden wollten schon lange eine Ausstellung machen: Wäre es also möglich, in diesem Raum gemeinsam eine Ausstellung zu machen? Und dann haben wir das gemacht, das Thema der Ausstellung war dann: Wie arbeitet man zusammen? Sie teilen sich ja ein Studio in Berlin.

Elisa: Das können Künstler sonst nicht so machen, das gibt es nicht, diese Freiheit, so etwas auszuprobieren. So etwas könnte ein Künstler nicht einer Galerie vorschlagen.

Video
Das Video als Teil der Performance “Octopussy”

HA: Was reizt denn einen Künstler daran, die Sachen für so einen kurzen Zeitraum auszustellen?

 Elisa: Heutzutage geht es auch um die Dokumentation, das zählt.  Das kommt dann ins Portfolio des Künstlers, es kommt ins Internet, auf eine Webseite. Wir haben einen sehr guten Fotografen, falls wir einen Katalog machen wollen.

Elena: Und für die Künstler kann das schon eine unterschiedliche Motivation sein – natürlich ist das toll, wenn du eingeladen wirst, einfach etwas auszuprobieren. Viele, die eingeladen werden, studieren noch und haben jetzt nicht so viel Erfahrung mit Ausstellungen. Die Künstlerinnen freuen sich, eine Gelegenheit zu haben, eine Ausstellung zu machen.

Elisa: Das war auch wichtig für Malik und sein Business, um zu überleben. Inzwischen kommen ja viele Kunststudenten in diese Bar. Es kommen ja viele Leute.

Heute haben wir die Förderung, wir könnten auch ein Studio anmieten. Das Geld haben wir jetzt. Aber wir wollen hier bleiben. Wir könnten das, aber wir wollen hier bleiben.

HA: Und wie klappt Eure Zusammenabeit?

 Elena: Elisa ist Künstlerin, und ich bin nicht Künstlerin. Das ist wichtig für das Konzept und diesen Raum, denn ich habe Kulturwissenschaften studiert. Ich arbeite als Kuratorin und ich schreibe, und es ist auch für mich eine tolle Erfahrung, zusammen mit einer Künstlerin zu arbeiten. Und ich profitiere deshalb sehr von der Zusammenarbeit, ich habe gelernt, Ausstellungen zu machen und Texte zu schreiben. Das ist eine ganz andere Sichtweise. Ich habe ja nicht an einer Kunsthochschule studiert. Das macht uns auch aus, und den Raum, wie er jetzt existiert.

HA: Wie ist die Zusammenarbeit? Gibt es da einen Kompromiss, oder setzt sich einer durch?

Elisa: Nein, ich habe das ja einige Zeit alleine gemacht, und das war einfach zu viel. Wir hatten zu dritt damit angefangen. Und auf einmal stand ich alleine da. Deshalb habe ich Elena eingeladen, mitzumachen.

Es ist soviel Arbeit, wir könnten ein oder sogar zwei Praktikanten gut gebrauchen. Wir bekommen ja die Förderung. Und wir brauchen Leute die uns unterstützen.

HA: Was bringt die finanzielle Förderung?

Elena: Förderung zu bekommen ist toll, wir wurden im vergangenen Jahr von der Behörde für Kultur und Medien und von der Hamburgischen Kulturstiftung gefördert, aber das bedeutet auch sehr viel administrative Arbeit, also akribisch Budget führen, Anträge stellen, Verwendungsnachweise schreiben. Also Geld zu haben ist gut, aber das bedeutet auch sehr viel Arbeit. Das muss man nicht, wenn man einen Preis bekommen hat, aber das hier ist ja Projektförderung. Wir arbeiten insofern schon recht professionell. Das ist eben das Gute, dass wir nicht in der Kunsthalle sind, wo man alles schon zwei Jahre im voraus in Stein gemeißelt ist. Also, wir können nach wie vor Leute austauschen, aber das muss man dann schon in Absprache mit der Behörde machen, d.h. wir planen, führen Buchhaltung.

Elisa: Aber es ist schon lustig, dieses Ding, all diese Bürokratie und es geht um den Keller einer Bar. Ich mag es nicht, wenn die Leute, die wir kennen, sich lustig machen, ich habe mich schon mit Leuten gestritten, die gesagt haben: Das ist ja nur auf dem Weg zur Toilette. Da möchte ich nicht ausstellen. Ich habe immer gesagt: Jeder White Cube hat eine Toilette, das macht einen guten White Cube aus. Wir sind eben ein echter Off-Space, und deshalb ist es zu einfach zu sagen, das ist ja nur auf dem Weg zur Toilette durch den Keller.

Elena: Defintiv ist das eine skurille Mischung, und das finde ich cool.

Wir haben für jede Ausstellung eine Einladung, eine Postkarte,  und dann stehen da auch die Logos der Förderer, und das sieht sehr solide aus, und dabei ist es aber echt so ein kleiner Raum im Keller einer Wodka-Bar in der Nähe vom Hauptbahnhof, hinter dem Schauspielhaus.

Elisa: Ich finde es lustig, dass wir schon für solche Nächte so viele Leute hierher gebracht haben, drei Bilder da unten, 300 Besucher. Und die Polizei ist schon mehrmals gekommen, weil es zu laut war.

HA: Wie ist das Publikum?

Elena: Die Mischung des Publikums ist auch so cool. Man spricht ja die ganze Zeit von diesen vermeintlichen Schwellen im Kunstbetrieb – welche Leute gehen ins Museum? Das kann man nicht leugnen, das ist eine spezielle Zielgruppe. Zu uns kommen einfach alle.

Elisa: Viele, die uns besuchen, sind auch Unterstützer aus der Kunstszene. Wir haben auch Unterstützer, vor zwei Wochen haben wir zum ersten Mal im Malik die Visitenkarte  von jemandem aus der Kunsthalle gefunden. Es kommt Fachpublikum und es kommen Kunsthistoriker.

Elena: Was mir so gefällt, auch so eine Mischung mit Leuten, die mit Kunst nichts zu tun haben, oder am Anfang nichts zu tun haben, die sonst damit nichts zu tun haben. Es gibt auch so eine Haltung, man brauche Publikum nicht, dass keine Ahnung hat. Aber ich freue mich, wenn ich dann gefragt werde. Ich bin dafür dankbar. Es ist total cool über die Künstlerin zu erzählen oder über uns, das ist eine Möglichkeit, die es so in einem Museum nicht gibt. Es werden ja von den Besuchern auch Leute mitgebracht, die dann zufällig eben auch hier sind. Und natürlich freue ich mich auch auf die Besucher aus der Kulturbehörde oder vom Harburger Kunstverein.

Elisa: Wir bringen hier eben auch Leute aus der Kunstszene zusammen, denn wo gibt’s sonst einen Ort zum reden? In Hamburg gibt es das sonst nicht so. Die Menschen wissen, dass Du Künstler bist, aber es gibt keinen guten Ort, um miteinander zu reden. Und in einer Bar kann man miteinander reden. Das war mein Ziel. Und darüber freue ich mich sehr. Ich hatte unterschiedliche Phasen, aber jetzt freue ich mich immer auf eine Eröffnung. Seit zwei Jahren ist das sehr entspannt, denn alle kommen, und es gibt nicht mehr den Neid der Leute der Kunsthochschule.

Elisa Berrera ist eine italienische Künstlerin, die seit 2013 in Hamburg lebt. Sie hat ihren Master an der Hochschule für bildende Küste (HfbK) gemacht. Den Off-Space “Come over Chez Malik’s“ hatte. sie vor über fünf Jahren mit anderen Künstlern gegründet, seit einiger Zeit arbeitet sie daran mit der Kuratorin Elena Malzew. Elisa Berreras  Arbeiten werden regelmäßig ausgestellt, unter anderem im Kunstverein Harburger Bahnhof, in der Galerie Karin Günther (Hamburg, 2019), in der Halle für Kunst (Lüneburg, 2018), sowie in Turin, Wien und Mailand.
Elena Malzew ist Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als freie Kuratorin in Hamburg, mit Abstechern nach Athen und Turin, sowie für einen Künstlerbücherverlag in Berlin. Seit einigen Jahren entwickelt und verantwortet sie mit der Künstlerin Elisa Barrera das Programm von „Come over Chez Malik’s“. Sie hat  angewandte Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität in Lüneburg studiert, sowie Film- und Medienwissenschaften an der University of South Wales.
Die Künstlerin über Ihr Projekt:

“OCTOPUSSY on TOUR ist das performative Alter Ego der bildenden Künstlerin Ayla Pierrot Arendt. Ihre Klanglandschaften, die sich aus Sprachfragmenten, elektronischen Musiksequenzen sowie digitalem Bildmaterial zusammensetzen, referieren auf Orte der Gemeinschaft, die Erfahrungen unterschiedlich erlebter Lebenswirklichkeiten zusammenführen. Die Musik und das Sounddesign sind in Zusammenarbeit mit dem Berliner Musiker Fullruhm entstanden.”

Details zu Octopussy on Tour

Autor: Kay Dethlefs