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© Allen, Bourgeois, Chicago

Wenn er sich unter die Menschen in den belebten Straßen Chicagos mischt, dann sieht Allen Bourgeois mehr als andere: Der Fotograf  hat einen besonderen Blick für Motive und Momente – und für den richtigen Augenblick. Das ist wörtlich zu nehmen, denn oft geht es um Sekundenbruchteile, wenn sein Finger den Auslöser der Kamera drückt.

„Streets, Alleys and Other Observations, Chicago“

Dann entstehen diese ungewöhnlich intensiven Aufnahmen. „Ich sehe alles in schwarz-weiß“, erzählt Allen Bourgeois. „Und ich sehe das Licht und die Schatten.“ Dabei nutzt er eine digitale Kleinbildkamera, die es in sich hat. Sein Liebling, eine Leica M Monochrom, ist eine reine Schwarzweiß-Kamera.

Der US-Fotograf im Selbstporträt © Allen Bourgeois, Chicago

Die Bilder und Situationen erscheinen oft hintergründig, überraschen immer wieder mit Details, die manchmal erst beim zweiten Hinschauen auffallen. Im Amerikazentrum Hamburg würdigt die Ausstellung „Streets, Alleys and Other Observation, Chicago“ den US-Fotografen mit einer umfangreichen Schau herausragender Arbeiten. Anlass ist das Jubiläum der Städtepartnerschaft von Hamburg und Chicago.

„Ich sehe alles in schwarz-weiß, ich sehe das Licht und die Schatten“

Allen Bourgeois

Bourgeois ist ein Mann, der Freundlichkeit und Ruhe ausstrahlt. Er erklärt sich spontan bereit zu einem kleinen Interview.

8 Fragen an Allen Bourgeois

HA: Warum sind alle Bilder in schwarz-weiß aufgenommen?

Allen Bourgeois: Der Regisseur Martin Scorsese hat einmal gesagt: Die Farbe kann im Weg sein. Ich sage dazu: Man kann sich in den Farben verlieren. Mit der Leica entstehen die Bilder direkt in schwarz-weiß. Im meiner Arbeit orientiere mich in an Fotografen wie Cartier-Bresson, Robert Frank und Elliott Erwitt.

HA: Sind die Menschen alle damit einverstanden, dass Sie aufgenommen werden?

Allen Bourgeois: Ich rede mit den Menschen, manchmal auch länger. Einem habe ich kürzlich ein Sandwich ausgegeben und habe mir in Ruhe die Geschichte erzählen lassen. Ich behandele die Menschen so, wie ich auch behandelt werden möchte.

HA: Wie sieht es rechtlich aus, gibt es ein Recht am eigenen Bild?

Allen Bourgeois: Wir haben in den USA möglicherweise eine andere rechtliche Situation. In der Öffentlichkeit ist niemand privat. Ich darf denjenigen fotografieren, sogar auf dessen Privatgrundstück.

HA: Es wird Grenzen geben, wo liegen die?

Allen Bourgeois: Ja, das gilt für die News und für künstlerische Fotografie. Es ist anders, wenn meine Fotografien kommerziell genutzt werden sollten, das ist nicht möglich. Dazu bräuchte man das Einverständnis der Beteiligten.

HA: Wie kommen Sie an diese Bilder, mit welcher Methode?

Allen Bourgeois: Ich ziehe in Chicago los, und es kann sein, wenn ich an einer Ecke rechts abbiege, dass ich gar nichts finde, und umgekehrt, wenn ich links abbiegen, sehe ich gleich mehrere Motive. Ich sehe die Bilder im voraus, und ich behaupte, ich sehe auch schon die Details. Das ist eine Sache der Übung. Ich bin eins mit der Kamera. Sie ist das Auge in meiner Hand. Ich denke nicht mehr dabei nach.

HA: Sind einige der Bilder gestellt oder, sagen wir, arrangiert?

Allen Bourgeois: Es ist nichts gestellt oder gar arrangiert, und selbst in der Nachbearbeitung korrigiere ich die Bilder nur leicht. Das wäre sonst nicht echt, das wäre Hollywood

HA: Sie leben als Fotograf auch von normalen Aufträgen, wie kombinieren Sie das mit der Street-Photography?

Allen Bourgeois: Mit meinen Aufträgen verdiene ich mein Geld, ich kann Raten bezahlen, die Urlaube und die Schuhe meiner Frau. Diese Arbeit in den Straßen von Chicago erdet mich und verhindert meinen Burn-Out. Ich kenne andere Fotografen, die haben so etwas  nie gemacht –  einige haben ihren Job längst aufgegeben oder sie fotografieren überhaupt nicht mehr.

HA: Ihre Bilder zeigen den Alltag, und Menschen in den Straßen, einige Motive erscheinen ernst und traurig – geht es Ihnen darum?

Allen Bourgeois: Zu meiner Philosophie kann ich sagen:  Ja, ich mache ein soziales Statement, einen sozialen Kommentar. Das ist nicht nur ernst, sondern das kann auch lustig sein.

© Allen Bourgeois, Chicago

Autor: Kay Dethlefs

Die Fotografien zeigt das Amerikazentrum in Hamburgs Hafencity noch bis zum 15. Juni. Geöffnet ist dort Montag bis Freitag, von 10-15 Uhr und nach Vereinbarung.

http://www.amerikazentrum.de

Amerikazentrum Hamburg e. V.
Am Sandtorkai 48
20457 Hamburg

Telefon: (040) 7038 3688