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Darf man in dieser Zeit überhaupt Emil Nolde ausstellen? Wie stehen wir heute zu dem Künstler, der ein überzeugter Antisemit war? Es gab jede Menge Fragen nach dem Rundgang für Journalisten im Bucerius Kunst Forum. Der nahe der dänischen Grenze geborene Emil Nolde gilt als einer der führenden europäischen Expressionisten – und das macht es schwierig:  Denn Nolde war Antisemit, Rassist und ein Verehrer der Nazis.

Emil Nolde: Melkmädchen I, 1903 © Nolde Stiftung Seebüll

Was sagt dazu die Direktorin und Kuratorin des Kunstforums, Dr. Kathrin Baumstark? Sie und die stellvertretende Direktorin der Nolde Stiftung in Seebüll, Dr. Astrid Becker, sind sich bewusst, dass sie „gerade zu diesem Zeitpunkt Emil Nolde zeigen.“ Und ihnen ist klar, das kann Fragen aufwerfen: „Warum gerade jetzt?“

Dr. Astrid Becker/Nolde-Stiftung(l.) & Kuratorin Dr. Kathrin Baumstark(r.)

Das Thema sei sehr komplex, denn anhand der Bilder könne man nicht nachweisen, dass Nolde Antisemit war. Kathrin Baumstark: „Es ist eine Ironie des Schicksal, dass auch Nolde als entartet galt.“ Dennoch sei er beharrlich bei seinem Stil geblieben. Der Künstler hat sich sogar nach dem Krieg als Opfer des Nationalsozialismus dargestellt. Und insofern ergibt sich auch für die Kuratorin die Frage: „Was können wir aus all dem lernen?“ Zu genau dieser Diskussion soll die Ausstellung anregen.

Emil Nolde: Heimat, 1901, © Nolde Stiftung Seebüll

Was ist, wenn mich diese Kunst berührt?

„Was tut das mit mir, wenn ich davor stehe und mich diese Kunst berührt?“, fragt Kathrin Baumstark. Auch wenn das Klischee uns sagt, dass Künstler gute Absichten haben und von edlem Charakter sind, dann müssen wir bei Nolde mit Schrecken und ernüchtert umdenken: „Künstler sind nicht immer gute Menschen, Nolde war kein guter Mensch, er war ein glühender Hitler-Verehrer“.

Direktorin des Bucerius Kunst Forums, Dr. Kathrin Baumstark

Der frühe Nolde in Dänemark

Die Ausstellung fokussiert auf das Frühwerk Noldes, der sich an dänischen Malern orientierte und deshalb sogar zeitweilig nach Kopenhagen zog. Rund 80 seiner Werke werden denen dänischer KünstlerInnen gegenüber gestellt. Nolde zog viel aus dieser Zeit, experimentierte reichlich. Er sah sich von Landschaften und dem nordischen Licht der dänischen KünstlerInnen inspiriert, wie auch von der  Darstellung von Menschen, wie die „nähende Fischerstochter“ von Anna Ancher. „Anna Ancher war eine Meisterin in der Wiedergabe von Sonnenlicht, das im Innenraum faszinierende Effekte erzeugt.“ (Textinfo Bucerius Kunst Forum). Dieses vielsagende und verblüffende Beispiel zeigt, wie Nolde die Einflüsse für sich angenommen hat, und wie er dabei in seiner Arbeit vorgegangen ist.

Anna Ancher: Nähende Fischerstochter, um 1890, Randers Kunstmuseum © The Hirschsprung Collection, Kopenhagen

Von Emil Nolde umgesetzt in dem impressionistische Werk „Frühling im Zimmer“, das seine junge Ehefrau Ada zeigt.

Emil Nolde: Frühling im Zimmer, 1904, © Nolde Stiftung Seebüll,

Einflüsse dänischer Kunst mit den typischen Motiven und stilistischen Elementen haben Nolde früh geprägt, und sollen seinen späteren Welterfolg ermöglicht haben. Diese Arbeiten gelten als weitgehend unerforscht.

BUCERIUS KUNST FORUM

„Nolde und der Norden“ – bis zum 23. Jan. 2022

in Kooperation mit der Stiftung Ada und Emil Nolde
Eine weitere, parallele Ausstellung zu Nolde gibt es in der Hamburger Kunsthalle, Thema ist die Maltechnik Emil Noldes.

Hamburger Kunsthalle

„Meistens grundiere ich mit Kreide…“ Emil Noldes Maltechnik – bis zum 18. April 2022

Fotocredits:
alle Nolde-Fotos: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin.

Emil Nolde: Zwei am Meeresstrand, 1903, © Nolde Stiftung Seebüll

Emil Nolde: Melkmädchen I, 1903, Nolde Stiftung Seebüll

Emil Nolde: Heimat, 1901, © Nolde Stiftung Seebüll

Emil Nolde: Frühling im Zimmer, 1904, Nolde Stiftung Seebüll

Autor: Kay Dethlefs