Eine Künstlerin verblüfft die Besucher mit ihren politischen Stickarbeiten: Varvara Sudnik ist die Jüngste hier in der Gruppenausstellung ANTIKÖRPER. Die 20jährige beschäftigt sich mit sozialen Themen in ihrer Heimat, über die andere leicht hinweg sehen, wie sie sagt. Dass sie und sechs andere Künstler aus Belarus zum ersten Mal in Hamburg zusammen kommen, ist schon eine kleine Sensation. Das WESTWERK hat es möglich gemacht. Ein Jahr liegen die heftigen Proteste in Belarus gegen Machthaber Lukaschenko – „Europas letzter Diktator“ – jetzt zurück. Die Schreckensbilder von Polizeigewalt und Folter sind aus den Nachrichten verschwunden. Deshalb konnte man gespannt sein, wie sich Künstler mit dem Leben in Belarus heute auseinander setzen.

© Homoatrox, Minsk 2020, Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Über Varvara Sudnik sagt die Kuratorin Kristina Savutsina: „Ich finde ihre Arbeiten super-spannend, rätselhaft und gleichzeitig sehr direkt – so wie auch Varvara selbst.“ Im WESTWERK hatte Varvara vor dem Rückflug noch Zeit für mich und den Fotografen Hervé Dieu.

5 Fragen an Varvara Sudnik

Wie ist zur Zeit die Situation in Belarus? Wie gehst Du damit künstlerisch um?

Varvara Sudnik: „In erster Linie fühle ich mich nicht geschützt genug, um darüber zu sprechen und zweitens gibt es auch genügend andere künstlerische Positionen, die sich direkt mit der Protestbewegung beschäftigen und die auch mehr darüber aussagen und auch Menschenrechtsorganisationen, die darüber berichten und darüber sprechen – und ich, in meiner Kunst finde es wichtig, über andere Themen zu reden, die wegen dieser Aufmerksamkeit für die tagespolitische Situation untergehen. Unter anderem sind das die Corona-Situation oder Arbeitsverhältnisse und Entlohnung als Themen.“

Nehmen wir das Thema Arbeitsverhältnisse. Was genau ist da Dein Thema?

Varvara Sudnik: „In Belarus sind die Arbeitsbedingungen problematisch, das betrifft die  Arbeitssuche und die Arbeitsbedingungen – viele Leute müssen sehr viel arbeiten, mehrere Jobs machen, Überstunden machen, um die Grundbedürfnisse zu sichern – dabei können sie nicht einmal dadurch qualitative Wohnverhältnisse sichern. Über Urlaub spreche ich nicht einmal. Es geht um einen selbst, und es geht darum, die eigenen Kinder und die Familie über Wasser zu halten.

Ich habe zum Beispiel selbst im Dienstleistungsbereich gearbeitet, ich habe zwei Jobs gehabt im Service. Dazu habe ich diese drei kleineren Stickereien gemacht, die da vorne auf dem Tisch platziert sind. Das ist die Serie, die sich damit beschäftigt: Das ist sehr schlecht entlohnt, die Leute müssen 12, 14 Stunden arbeiten, und dafür kriegen sie keine würdige Anerkennung, weder vom Arbeitgeber noch von den Leuten, die dann diese Dienstleistung empfangen.“

© Hervé Dieu
© Hervé Dieu, Politische Stickkunst von Varvara Sudnik im WESTWERK
© Foto: Hervé Dieu, Geringe Löhne in Belarus, von Varvara Sudnik

„Ich finde ihre Arbeiten super-spannend, rätselhaft und gleichzeitig sehr direkt – so wie auch Varvara selbst.“

– Kristina Savutsina, Kuratorin

Da hast als Material und Technik die Stickerei gewählt, was ist der Grund?

Varvara Sudnik: „Ich arbeite mit Stickerei noch nicht lange, erst seit circa einem halben Jahr, ich habe einfach festgestellt, das andere Medien einfach nicht so zugänglich sind – aufgrund finanzieller Fragen oder aufgrund meiner Fähigkeiten, was zum Beispiel Video angeht oder Digital Art – dann müsste man mehr Wissen haben oder entsprechendes Training und auch die Technik, und das war mir nicht zugänglich. Stickereien waren eben als Ressource zugänglich und vorhanden – und außerdem mag ich einfach gerne damit arbeiten, weil es sich so haptisch anfühlt, und da es sehr kleinteilig ist. Es ist auch eine Rückkehr zum Handwerk, und es ist auch eine Referenz an Female Art, Kunst von Frauen.“

Wie entwickelst Du deine Ideen, wie ist der künstlerische Prozess?

Varvara Sudnik: „Was die Ideen und Themenwahl angeht arbeite ich so, als würde ich Kleidung flicken, also ein Loch in der Kleidung flicken. Das Flicken dieser Löcher bedeutet, mich mit Themen zu beschäftigen, über die andere wenig oder gar nicht sprechen. Oder über die geschwiegen wird, aus verschiedenen Gründen, weil es zum Beispiel nicht angebracht ist, über Zustände in öffentlichen Toiletten zu reden, oder es geht aus anderen Gründen unter. Aber die Leute fühlen das ja, die Leute beschäftigen sich im Alltag stark damit, sei es mit Arbeitsverhältnissen oder eben mit Toiletten. 

Dadurch, dass ich das noch nicht so lange mache, kann ich nie einschätzen, wie lange so eine Arbeit dauert, zum Beispiel die Arbeit über die öffentlichen Toiletten – ich hatte mir vorgenommen, die viel früher fertig zu machen, und die ist erst diesen Montag fertig geworden. Und ich improvisiere viel bei dem Prozess.

„Stickerei ist auch eine Rückkehr zum Handwerk, und es ist auch eine Referenz an Female Art, Kunst von Frauen.“

–  Varvara Sudnik, Künstlerin aus Belarus

© Foto: Hervé Dieu, Die Misere der öffentlichen Toiletten, Varvara Sudnik

Ein Hinweis zu den öffentlichen Toiletten: Die Zustände in diesen Toiletten sind teilweise miserabel, wie Varvara erläutert. Die sanitären Anlagen sind herunter gekommen, manchmal stehen einfach Kloschüsseln neben einander, ohne Trennwände als Sichtschutz. Das Thema ist unappetitlich, und deshalb wird darüber schamhaft geschwiegen. Der Gang auf eine der öffentlichen Toiletten in Belarus ist in den Augen von Künstlerin Varvara Sudnik darum unwürdig und mit Scham besetzt, besonders für Frauen. Diese Zustände haben mit Nachlässigkeit, geringen Finanzen, und dem geringen Lebensstandard in Teilen des Landes zu tun. Auf den Stickarbeiten ist zu erkennen oder zumindest zu erahnen, wie diese Toiletten ohne Wände und ohne Türen aussehen.

Wie denkst Du über Deine Zukunft? Wie geht es weiter für Dich?

Varvara Sudnik: „Meine Zukunft kann ich mir schwer vorstellen. Denn Künstlerin zu sein bringt mir kein Privileg und auch kein Geld. Und die ganze Zeit überlege ich hin und her, ob ich das weitermachen will und soll. Und ich wünsche mir grundsätzlich eine bessere Lebensqualität und auch einen Lebensunterhalt, um mit meiner Familie zu überleben. Deswegen geht es immer hin und her in Gedanken, ob ich diese Kunst, die ja auch mit sozialen Themen zu tun hat, weiter machen will.“

Danke an Kuratorin Kristina Savutsina für das Übersetzen des Interviews.

© Foto: Hervé Dieu, Varvara Sudnik und ihre Stick-Kunst im WESTWERK

„Meine Zukunft kann ich mir schwer vorstellen. Denn Künstlerin zu sein bringt mir kein Privileg und auch kein Geld.“

– Künstlerin Varvara Sudnik

Kuratorinnen Marie Kuhn und Kristina Savutsina

Antikörper. Junge Kunst aus Belarus. Gruppenausstellung im WESTWERK, Admiralitätsstraße 74.

täglich bis Sonntag, 10. Okt.

Kuratorinnen: Kristina Savutsina und Marie Kuhn

Link zum Westwerk mit weiteren Infos:

https://www.westwerk.org/

Link: Bildquelle Homoatrox, Minsk, Wikimedia Commons, CC-Lizenz (CC BY-SA 3.0)

https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Homoatrox

Autor: Kay Dethlefs

Email: mail@hamburgarts.de