Es ist eine Geschichte, wie aus einem französischem Spielfilm. Jean Guillon ist Geschichtenerzähler. Der Künstler aus Marseille fährt mit seinem Bus durch die Dörfer der Provence und der Pyrenäen, um dort vor Publikum aufzutreten. Und der Bus ist seine Bühne. Dafür ließ sich der Geschichtenerzähler einen ausgedienten  Linienbus so umbauen, dass dort nach Bedarf ein kleiner Raum für die Zuschauer entsteht. Die wohl einzigartige, aufklappbare Konstruktion hat ein Ingenieur eigens für ihn entwickelt. Der Bus wird zu einem kleinen Theater, einer Attraktion auf vier Rädern. Das ist Jean Guillons Théâtre Volant – das fliegende Theater. Über die Jahre ist er weit herum gekommen – mit vielen Auftritten in Spanien, Italien und sogar in England.

Ein kleines Festival auf dem Dorfplatz

Dabei ist der fröhliche Mann mit den wild wachsenden grauen Haaren kein Alleinunterhalter. Er baut vorab ein Programm zusammen, und bietet örtlichen Künstlern und Musikern an, mitzumachen. Für einige Tage geht es dann rund im Dorf, mit täglich zwei Vorstellungen. “Es ist ein kleines Festival”, sagt Jean Guillon.

Geschichtenerzähler Jean Guillaume

Geschichtenerzähler Jean Guillon

Der Bus von Jean Guillaume

Der Bus von Jean Guillon

Das macht er praktisch schon sein ganzes Leben lang. Angefangen hat er in jungen Jahren. Es begann mit einer witzigen Idee einer kleinen Gruppe von Kreativen, Musikern und Schauspielern – die entwickelten gemeinsam ein Programm, um damit aufzutreten. Lange hielt der kreative Eifer aber nicht an, denn in den Wintermonaten konnten sie damit kein Geld verdienen. Und so kam Guillon auf die Idee mit dem Bus, und machte fortan alleine weiter.

Acht Fragen an Jean Guilllon

Das Programm – welche Geschichten erzählen Sie?

Das ist Tradition, es sind traditionelle Märchen, ich erzähle immer die Geschichte der Provence, meiner Heimat. Das muss ich machen, ob ich in Italien oder in England auftrete, ich erzähle die Geschichte der Provence. Und zweitens, erzähle ich meine Geschichte.

Oder ich erzähle gemeinsam mit einem Geschichtenerzähler aus dem Land gemeinsam. Die Geschichte kommt dann in zwei Farben, ich sage etwas auf deutsch, und der andere sagt etwas auf französisch. Dann verstehen die Menschen endlich eine andere Sprache, und das ist fantastisch.

Sie sagen immer wieder, dass Ihnen die Atmung so wichtig ist, warum?

Sonst haben wir keine Stimme! Wenn ich spreche, dann muss ich Luft haben, ganz praktisch: Wir hören die Geräusche der Menschen im Publikum und wir finden den richtigen Moment, um anzufangen – meine Atmung kommt mit der Atmung der Leute, nimmt deren Atmung auf, die Atmung kann ich hören und fühlen. Ich kann fühlen, ob die Zuschauer sich freuen, kann das Gefühl wahrnehmen, ich kann meine Gefühle teilen.

Ich hatte eine Lehrerin, die war Schauspielerin, sie hat mich unterrichtet, mit Übungen, wie für einen Schauspieler.

Sie sagen, gerade der Moment  n a c h  einer Aufführung ist sehr wichtig, inwiefern?

Ich muss verstehen, was ich gut gemacht habe, dann auch, was nicht gut lief. Spontaneität ist sehr wichtig, aber auch sehr störanfällig, und hier gilt auch wieder: Die Atmung. Wenn Du nicht atmest, bist Du zu, und nichts kommt raus. Und der Geschichtenerzähler reagiert auf alles von außerhalb, wenn ein Motorrad vorbei fährt, sehr laut dazu, dann kommt das in die Geschichte, eine Glocke, die laut läutet, die kommt in die Geschichte. Das ist schon ein Sport! Dafür muss ich sehr offen sein und auch hören – Der Moment ist ja da – ich sage mir immer: Die Leute sind sehr intelligent, und sie hören alles.  Die Geschichte bekommt dann eine Kurve, aber die Geschichte kommt ja wieder – das ist ein Spiel.

 

Einige Besucher sagen: Ich habe meine Kindheit wieder gefunden.

– Jean Guillon

Sie sagen, Sie sind Geschichtenerzähler, ein Storyteller, was ist der Unterschied zum Theater?

Wenn ich sage: „Es war einmal..“ oder den Titel der Geschichte nenne, dann ist die Geschichte da! Das ist anders als im Theater, es gibt eine Bühne, ein Bett, einen Stuhl, es ist ein Raum. Und der Schauspieler kommt und der Zuschauer kann das verstehen. Das mache ich anders: Ich blicke den Zuschauern in die Augen – im Kopf der Menschen entstehen dann die Bilder. Bevor das Bild entsteht, zum Beispiel das Bild von einem Tisch, dann liegt das in den Erinnerungen der Geschichtenerzähler. Und wenn ich unter Menschen bin, dann kommen die Wörter von den Leuten, mein Kopf ist praktisch eine Antenne.

Ich erinnere meine Geschichte wie einen Freund oder eine Freundin: Das Gesicht, die Kleidung, aber das ist nicht festgelegt. Meine Geschichten habe ich in Erinnerung, das sind nicht Wörter, das sind nicht Situationen, das ist wie eine Wolke.

Wie läuft das ab – die Planung für eine Tour?

Jean Guillon: Es ist eine verrückte Arbeit (lacht) Ich habe manchmal eine Sekretärin, die mir hilft. Im Moment habe ich niemanden, ich arbeite allein. Ich  frage  Freunde oder einen Bürgermeister, ob ich an diesen Ort kommen kann. Oder Leute buchen mich.

Wie lange benötigen sie für die Vorbereitung?

Ich rechne mit sieben Stunden. Im besten Fall habe ich dort Freunde, die die Künstler kennen. Wenn ich in eine Stadt komme, frage ich: Haben Sie Künstler in dieser Stadt? Und ich finde immer Künstler. Und die freuen sich – denn es gibt für sie eine Möglichkeit, zu spielen.

Gibt es auch Skepsis?

Ja, wenn man den  Bus von außen sieht, dann man sich nicht vorstellen, was sich darin abspielt, aber in dem Bus lebt es, es ist eine besondere Atmosphäre. Und die Künstler haben immer mitgemacht.

Wie ist die Stimmung, wie ist die Atmosphäre?

Wenn es gut lief,  sagen mir hinterher die Leute: ich war wieder ein Kind, und das freut mich. Sogar alte Leute sagen: “Ich habe meine Kindheit wiedergefunden”.

Die Zeit in der Krise 

Die vergangenen Monate im Lockdown in Frankreich hat Guillon genutzt, um eine neues Programm auszuarbeiten. Dabei geht es um eine zentrales Werk der persisches Kultur: Mantiq at-Tair , die Konferenz der Vögel, ist eine mystische Dichtung aus dem 12. Jahrhundert. Dieses Werk hat Guillon mit zwei Sängerinnen und einem Komponisten Anfang des Jahrs ausgearbeitet. Es wird in diesem Sommer auf dem Festival Les voix vives de la Méditerranée aufgeführt.

Ein kleines Video porträtiert den Geschichtenerzähler Jean Guillon.   

 

 

Autor: Kay Dethlefs